Hoch lebe die Twitterwall! Nieder mit der Twitterwall!

Foto; Maik Meid, fundraisingnetz.nrw

In den vergangenen Jahren habe ich an vielen dutzend Podiumsdiskussionen teilgenommen – als Zuhörer, Diskutant und Moderator. In allen drei Rollen hat sich der Medienwandel bemerkbar gemacht: Eine digitale Ebene der Diskussion ist heute unvermeidlich. Der Unterschied ist einzig, ob sie aktiv in die „Podiums“-Diskussion eingebunden wird.

Eine Möglichkeit dies sicherzustellen ist der Einsatz einer sogenannten Twitterwall. Eine Twitterwall ist eine visuelle Darstellung aller Twitter-Nachrichten, die mit einem bestimmten Hashtag markiert sind. Auf Veranstaltungen werden hierfür Leinwände oder Monitore verwendet, die die jeweils neuesten Tweets darstellen.

Hoch lebe die Twitterwall!

Podiumsdiskussionen funktionieren nach dem immer gleichen Muster: Vorher fesgelegte Personen stellen ihre Positionen dar, reagieren aufeinander und werden mehr oder weniger deutlich mit Nachfragen und Impulsen durch die Moderation gesteuert.

Die Rolle der Zuschauer beschränkt sich in solchen Runden vornehmlich auf das Zuhören und Klatschen. Ab und an können Fragen gestellt werden – wenn diese von der Moderation zugelassen werden. Dafür muss auf das Mikrofon gewartet oder am selbigen Schlange gestanden werden. Per Twitter ist das Einbringen von Kommentaren und Fragen sehr viel einfacher und niedrigschwelliger möglich.

Für Diskutanten ist der Blick auf die Twitterwall die Chance unmittelbar Rückmeldung zu erfahren, ob die vorgetragenen Argumente verstanden und geteilt werden. Die Reaktionen sind differenzierter als die Lautstärke des Zwischenapplauses und bieten darüber hinaus wunderbare Anlässe um auf etwaige Reaktionen oder Nachfragen nochmal einzugehen und die Argumente verständlich zu machen.

Den größten Nutzen von Twitterwalls erkenne ich für die Moderation: Das Zulassen von Fragen aus dem Publikum beinhaltet immer die Gefahr von langatmigen Kommentaren, das Zurückspringen zu längst abgearbeiten Diskussionsstränken oder einfach missverständliche Äußerungen, die ein mehrfaches Nachfragen erfordern. Welch eine Erleichterung ist es, die Fragen und Kommentare in von der Moderation bestimmter Reihenfolge einzubringen und damit dauerhaft einen roten Gesprächsfaden zu bewahren?! So haben Zuhörer, Diskutanten und Moderation das meiste davon.

Nieder mit der Twitterwall!

Zweifelsohne kann der Einsatz von Twitterwalls auch mächtig schief gehen. Der Hashtag kann für schlechte Witze, anonyme Kritik, Werbung (Spam!) oder themenferne Hinweise missbraucht werden. Werden Sie neben der Bühne dargestellt können sie Verwirrung, Unmut und jede Menge Störungen produzieren.

Für die Moderation stellen Twitterwall eine zusätzliche Aufgabe und Verantwortung dar. Sie müssen einen Teil ihrer Aufmerksamkeit dem digitalen Stream widmen. Das muss geübt sein, damit die Moderation der Podiumsdiskussion nicht ins Stocken gerät.

Gerät die Stimmung ins Kippen und nehmen digitale Störungen zu, so liegt es im Verantwortungsbereich der Moderation darauf zu reagieren. Es kann an den wertschätzenden Umgang appeliert und um konstruktive Diskussionsbeiträge gebeten werden.

Letztendlich halte ich es für angemessen und zulässig, dass die moderierende Person auch eine Abschaltung der Twitterwall als letztes Mittel einsetzen kann. Back to offline – Fragen und Kommentare können dann nur nochnach Meldung und Einbindung durch die Moderation eingebracht werden.

Eine Twitterwall, die nur für die Zuhörerinnen und Zuhörer sichtbar ist? Niemals. Über Monitore am Bühnenrand oder eine zweite Leinwand sollten die digitalen Kommentare und Rückmeldungen auch den Diskutanten zugänglich sein. Unhöflicher wäre nur, wenn diese sich selbst darum kümmern müssten und deshalb ständig auf das eigene Smartphone achten würden.

Moderierte Twitterwalls?

Eines ist klar: Der Einsatz von Twitterwalls birgt ein gewisses Risiko. Die Stimmung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wird sichtbar und kritische Meinungen erhalten zusätzliche Aufmerksamkeit. Klar ist aber auch, dass ein Hashtag oder eine Twitterwall dafür nicht verantwortlich sind. Es sind nur Mittel um die ohnehin öffentlichen Äußerungen zu aggregieren.

Als Alternative zu den üblichen Twitterwalls, die jeden Tweet mit dem entsprechenden Hashtag darstellen, werden moderierte Twitterwalls ins Feld geführt. In der Praxis bedeutet dies, dass mindestens eine Person im Hintergrund dafür verantwortlich ist alle Tweets zu prüfen und jeweils für die Twitterwall freizugeben. Das ist grundsätzlich möglich, aber in den meisten Fällen völlig unnötig.

Der wichtigste Faktor beim Einsatz von Twitterwalls ist die moderierende Person. Dieser obliegt es eingangs die Funktionsweise und die Möglichkeit zur Beteiligung auf dem digitalen Weg zu erläutern. Dabei sollte auch der Wunsch nach konstruktiven Beiträgen und Fragen für die Diskussion zum Ausdruck gebracht werden.

Meine persönliche Empfehlung für alle Moderatoren, die die Chancen nutzen und das Risiko meiden wollen: Anstatt einer Twitterwall mit Hashtag fordern sie auf Fragen als Mention an Ihren Twitter-Account zu senden. Damit sind allgemeine Kommentare unwahrscheinlicher. Das setzt allerdings umso mehr ein angemessens Maß an Multi-Tasking-Fähigkeit voraus!

Was sind Ihre guten oder schlechten Erfahrungen mit Twitterwalls? Sehen Sie mehr Chancen oder Risiken?

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